
Arbeit am Tonfeld®
Was ist das?
Die Arbeit am Tonfeld® wurde in den 1970er Jahren von Heinz Deuser in einem schlichten Rahmen entwickelt:
ein Tisch, auf dem eine flache, mit feuchter Tonerde gefüllte Holzkiste und eine Schale mit Wasser stehen.
Das Holzfeld mit dem formbaren Material Tonerde regt Kinder, Jugendliche und Erwachsene an und fordert sie zum Handeln auf.
Alle Menschen dürfen hier mit Ton und Wasser tun, was sie wollen:
sie können streichen, kneten, formen, graben, matschen, fließen lassen, stauen usw. Wenn sie vor dem Tonfeld sitzen,
tun sie das aber nicht ...
Wir Menschen sind darauf angelegt, uns zu entwickeln. Weil wir dabei nicht fremdbestimmt sein wollen, müssen wir uns selbst bestimmen. Das bedeutet, wir haben es mit Zielen zu tun, die wir noch nicht genau kennen und suchen nach Mitteln, um diese Ziele zu erreichen. Wenn uns der persönliche Werdeprozess gelingt, legen wir damit die Basis für
- eine gesunde seelische Entwicklung
- Lebenskraft
- Lebensfreude
- Selbstvertrauen
- Gespür für die eigenen Motivationen
Handelnd erfahren wir die Welt, setzen uns mit ihr auseinander und äußern uns in unseren Bewegungen als Person. Unsere Hände sind dabei von zentraler Bedeutung. Sie und unser Mund nehmen im Gehirn überproportional viel Raum ein, viel mehr als andere Körperteile. Zwei Homunkulus-Modelle, die im Natural History Museum in London ausgestellt sind und die die Repräsentationsverhältnisse der Körperteile im Gehirn als Größenverhältnisse am Körper darstellen, zeigen riesige Hände und enorme Lippen. Die Hände der sensorischen Figur sind größer als die Figur selbst und die Hände des motorischen Modells sind fast zehnmal so groß wie sein Körper.
Die Haptik ist der Handsinn, unser "Beziehungssinn" zur Welt. Sie funktioniert als Einheit von Wahrnehmung und Bewegung.
Wer mit den Händen etwas berührt, wird auch selbst von diesem Etwas berührt. (Spüren Sie Ihr Gesäß am Widerstand der Fläche, auf der Sie gerade sitzen?) Die drei haptischen Basissinne Hautsinn, Tiefensensibilität und Gleichgewichtssinn müssen gut entwickelt werden. Erst dann können komplexere Fähigkeiten, für die höhere Gehirnfunktionen gebraucht werden, sicher erlernt werden; zum Beispiel rechnen, schreiben oder Fahrrad fahren.
Das Setting der Arbeit am Tonfeld® stellt die drei Grundelemente menschlicher Entwicklung bereit. Da ist zum ersten das Tonfeld mit dem Beziehungsmaterial Ton, das hier die Welt repräsentiert. Zweitens haben wir Hände, die wegen unseres Dranges zur Entwicklung agieren wollen. Drittens werden wir von einem Menschen begleitet, der uns wahrnimmt, das Geschehen anspricht und so vermittelt, dass wir uns verstehen können.
Das begrenzte Tonfeld vermittelt Halt, die ebene Tonfläche bietet freien Raum zur Entfaltung.


"drück fester"
Junge, 8 Jahre
"über den Rand raus"
Junge, 9 Jahre
Ton als Material ist
- weich genug, um jeden Bewegungsausdruck aufzunehmen
- hart genug, um eine Spur der Bewegung sichtbar zu machen
- und widerständig genug, dass wir uns in unseren Bewegungen daran wahrnehmen können
Am Tonfeld gibt es keine Anweisungen, was zu tun ist. Da das Setting uns aber zum Handeln auffordert, antworten wir mit spontanen Bewegungen, wenn wir nicht wissen, was wir tun sollen. Unsere Hände tun am Tonfeld dann das, was unserer Lebenserfahrung entspricht. Jede Verformung des Tons durch unsere berührende Bewegung kann durch eine neue Bewegung umgestaltet werden. Die Arbeit am Tonfeld® eröffnet uns einen Aktionsraum, in dem die Gegenseitigkeit von Berühren und Berührtsein uns zum Antworten herausfordert. Und das so lange, bis die Antworten zu unserem Bedürfnis passen.
Die Methode ist als Entwicklungsförderung zu verstehen und hat mehrere Ziele:
- Menschen sollen entlastet werden
- sich ausgleichen können
- sich dabei sicher fühlen
- sich selbst verstehen lernen
- bei Erwachsenen unterstützt die Tonfeldarbeit die Klärung der eigenen Lebenssituation
und eine Neuorientierung

Arbeit am Tonfeld®
Wie wirkt sie?
In der Berührung mit Ton und Wasser begegnen wir uns in einer Weise, die unserem gegenwärtigen Entwicklungsstand entspricht. Wie wir im Laufe des Lebens die Welt wahrgenommen haben, so äußern unsere Hände sich im Tonfeld. Jedes Mal, wenn wir mit einem Bewegungsimpuls den Ton berühren - auch nur mit der Fingerspitze - bekommen wir eine, zu unserem Aktionsmuster passende, sensorische Wahrnehmung zurück. Dabei machen wir eine Spur, der wir nachgehen können. In dieser Spur begegnen wir uns selbst.
Die Arbeit am Tonfeld® findet im Einzelsetting statt. So kann eine Person optimal darin unterstützt werden, ganz bei sich zu bleiben und sich an ihren Bedürfnissen entlang zu orientieren. Die Begleitung achtet und unterstützt die Person dabei, passende Antworten auf ihren geäußerten Bedarf zu finden, sich zu entlasten und sich mit dem zu versorgen, was sie braucht.
Am Tonfeld stellt sich für uns alle die Aufgabe, uns innerlich auszugleichen, unser Gleichgewicht und unseren eigenen Stand zu finden. Die Weisheit der Hände ist uns dabei Wegweisende, Wegbereitende und Wandernde zugleich, denn in den Bewegungen der Hände bilden sich die inneren Entwicklungsbewegungen ab.
"Meine Hände machen, was sie wollen,
da kann mein Gehirn denken, was es will."
Junge, 10 Jahre
In verschiedenen Einrichtungen beobachteten die pädagogischen Fachkräfte, das Lehrpersonal und die Sozialarbeitenden zahlreiche Veränderungen an Kindern und Jugendlichen, die durch die Tonfeldarbeit bewirkt wurden.
Beispiele aus dem Kindergarten
- das Kind kann bei sich und in der Welt ankommen
- die Kinder erleben Halt und Sicherheit
- Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl wachsen
- Motorik, Sprache, Kognition und Sozialverhalten verbessern sich
Beispiele aus der Grundschule
- die Kinder werden emotional stabiler
- Ängste werden abgebaut
- die Selbstwahrnehmung und die allgemeine Wahrnehmungsfähigkeit nehmen zu
- Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl wachsen
- die Kinder fühlen sich wohl und kraftvoll
- Kinder können den Raum um sich besser einschätzen, sich organisieren und Ordnung halten
- den Kindern fällt es leichter, Regeln zu erkennen und sie einzuhalten
- Durchhaltevermögen und Frustrationstoleranz nehmen zu
- die Lernkonzentration steigt
Beispiele aus der Gemeinschaftsunterkunft für geflüchtete Menschen
- die Kinder erleben Halt und Sicherheit
- die Kinder entspannen sich
- sie entwickeln die Fähigkeit zu offenerem Kontakt
- Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl wachsen
- die Kinder wagen es, neu zu vertrauen


"ich tanze"
Mädchen, 6 Jahre
"Pizza und Pizzapokal" Junge, 10 Jahre



"das bin ich"
Junge, 5 Jahre
"in die Mitte drehen"
Junge, 6 Jahre
"das trägt mich"
Mädchen, 10 Jahre

"meine Welt"
Mädchen, 12 Jahre

